Was bisher geschah: Kurz nachdem Ethan die Flasche in seinem Mund schüttete, fiel er bewusstlos zu Boden und wurde von Dwight aufgefangen. Dieser zerrte ihn auf dem Stuhl neben Tylers Bett. Danach holte er aus seiner Hosentasche eine weitere Flasche und schüttete etwas vom Inhalt auf seine Fingerspitzen. Mit seinem feuchten Zeigefinger zog er auf Ethans Stirn ein Kreuz und murmelte dabei etwas auf Latein. Kaum hatte Tylers Sohn die letzten lateinischen Wörter aufgesagt, leuchtete das Kreuz, welches Dwight auf dem Polizisten zeichnete auf. Ein hellgrauer, fast durchsichtiger Rauch schoss in Tylers Ohr und verschwand, nachdem das Kreuz aufhörte zuleuchten. In Ethans Kopf drehte sich alles und tausend Bilder schossen an ihn vorbei. (…)
Er sah sich selbst, wie er von einem
Hochhausrand hinunterblickte und seine Arme weit ausstreckte.
Er sah, wie einer vom Hochhaus hinunter sprang und hart auf dem Boden prallte.
Ein unbeschreiblich lauter Knall.
Ein unbeschreiblich stechender Schmerz.
Letztendlich ein unbeschreiblich schönes Gefühl von Erlösung und Freiheit...
8.4. Dämonische Folter
Nur
für einen kurzen Moment erlebte Ethan das völlig unbeschreiblich schöne Gefühl
von Freiheit und Erlösung. Noch während er dieses Gefühl genoss, verschwand mit
einem Male alles. Die tausend Bilder, die wie bei einem Kamerablitzlicht im
Sekundentakt aufleuchteten, blieben auf einmal aus. Nichts. Nun fiel ihm
allerdings auf, dass er die ganze Zeit seine Augen geschlossen hatte und so
schlug er sie langsam auf und wurde von grellen Sonnenstrahlen, welche mitten im
Getümmel des Brooklyner Stadtlebens, auf sein Gesicht herab fiel, geblendet.
Verwundert blickte er um sich und sah die im Stress gezeichneten Passanten, die
hastig an ihn vorbei huschten, um noch rechtzeitig über die Straße zu gelangen,
da die Ampel gleich rot wurde.
Falls dies ein Dämonentraum war, unterschied sie sich bis jetzt kaum vor der Realität, was zur Folge hatte, dass Ava und Tyler wirklich Probleme haben könnten, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Da Dwight ihm nicht wirklich erklärte, wie er den Weg zu Tyler und danach zu Ava finden soll, musste er sich nun alleine durchkämpfen. Auf der linken Einkaufspassage, war ein scheinbar unauffälliges kleines Cafe, welche trotzdem irgendwie magisch wirkte. Ethan versuchte sich noch einmal daran zu erinnern was er gesehen hatte. Dann erkannte er die Leuchtreklame des Cafes wieder, worin Tyler anscheinend eingesperrt war und so lief er mit schnellen Schritten auf das Cafe zu.
Gerade als er in das Cafe eintreten wollte, sah er mitten im Getümmel Tyler. Rasant zwängte er sich durch die Fußgänger und tippte Tyler überglücklich an. Dieser drehte sich verwundert um und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an, „Ja bitte? Kann ich Ihnen helfen?“ Ein Stein fiel dem Polizisten vom Herzen, da er nicht damit gerechnet hätte, so schnell seinen besten Freund zutreffen. „Du musst sofort aufwachen, da du momentan in einem Dämonentraum gefangen bist. Wach auf!“ Nach dieser Aussage sah der junge Mann ihn noch verblüffter an. „Dämonentraum? Ich und gefangen? Wie bitte? Mister, Dean Winchester ist nur eine Rolle die ich Spiele und im realen Leben werde ich ganz bestimmt nicht von Dämonen heimgesucht.“ In diesem Moment fiel Ethans Kinnlage fast auf den Bürgersteig, naja nicht wirklich, aber sein Mund stand sehr weit offen.
„Wollen sie von mir nun ein Autogramm oder
wollen sie weiterhin so komisch aus der Wäsche schauen?“
Erst jetzt fiel ihm auf, dass er Jensen Ackles mit Tyler, den
Schauspieler verwechselt hatte. Komisch, die beiden sahen auf den ersten Blick
wie eine Person aus. Doch ehe der Polizist reagieren konnte, verabschiedete sich
Jensen wieder, da einige Fußgänger den Schauspieler ebenfalls erkannten und ein
Blick oder ein Autogramm ergattern wollten. Die aufgeregten kreischenden Frauen,
drängten Ethan immer weiter nach hinten, bis er schließlich fast wieder am Cafe
war.
Nach einem kräftigen Kopfschütteln und einem lauten Seufzen, konzentrierte er
sich wieder auf den Ernst der Lage. Wo zum Teufel steckte Tyler bloß? Noch in
seinen Gedanken versunken, lief aus dem Cafe ein Teenanger und blieb vor dem
ratlosen Polizisten stehen. „Sie sehen so aus,
als würden sie Hilfe brauchen. Vielleicht bin ich derjenige, der ihnen helfen
könnte?“ Stutzig sah er den jungen, der
höchstens 16 Jahre alt sein konnte an. Wie bitte schön sollte er ihm helfen
können? Er wusste doch über Ethans Sorgen nichts und Gedanken lesen schon
zweimal nicht. „Ich habe Sie vom Cafe aus
beobachtet. Ich sah, wie sie aus dem Nichts erschienen sind. Die Passanten, aber
nicht, weil sie nur mit sich selbst beschäftigt waren, so dass sie sie nicht
bemerkt hatten. Ich dagegen schon.“
Okay,
anscheinend wusste der Junge doch mehr und redete weiter: „Sie
suchen zwei Freunde von Ihnen, die irgendwo in dieser Traumwelt gefangen
gehalten werden. Ich bin mittlerweile schon Jahre hier in dieser Welt gefangen
und sehe tag täglich die selben Leute, doch heute erschienen zwei Unbekannte..“
Nun wurde es interessant und Ethan spitzte die Ohren. „In
dieser Welt verkörpere ich den höchstwahrscheinlich Pinocchio und werde nach
jeder Lüge oder Sünde bestraft. Normalerweise wächst meine Nase, wenn ich einmal
gelogen habe, doch in dieser verrückten Welt werde ich um ein Jahrzehnt älter.
Ich bin schon sooft gestorben und wache jedes Mal im Cafe auf. Ich weiß gar
nicht mehr, wie ich in Wirklichkeit aussehe oder wie alt ich bin. Momentan
versuche ich allen Gefahren aus dem Weg zugehen, um nicht durch ein Versehen,
wieder Älter zu werden. Ich habe echt langsam keine Motivation und Kraft mehr...“
Langsam merkte Ethan, dass der Junge womöglich die Wahrheit sprechen konnte und ging langsam auf das Gespräch ein. „Sie können ruhig Nate zu mir sagen. Mein Name und einige wenige Erinnerungen sind mir von meiner realen Identität geblieben. Ich weiß, dass ich wegen einem Brand, welches im Waisenheim entfachte, in das Long Island College Krankenhaus gebracht wurde…“ Nach diesen Worten senkte der Teenager traurig seinen Kopf. Eine Träne kullerte von seiner Wange hinunter auf dem grauen Betonboden. Mitfühlend legte Ethan seine Hand auf Nates Schulter und gab ihn ein wenig Hoffnung, „Wir kommen hier schon wieder raus, keine Sorge, doch zuerst müssen wir meine beiden Freunde finden. Einer davon ist so etwas wie ein Held. Mit seiner Hilfe wachen wir alle wieder in der Realität auf!“ Noch während er dies sagte, schmunzelte er ein wenig, da er seinen besten Freund größer gemacht hatte, als er zu dieser Zeit war. Sicherlich würde Tyler ein guter Krieger werden, doch zum jetzigen Zeitpunkt war er noch zu unerfahren und unbeholfen. So, wie Dwight, sein zukünftiger Sohn es gesagt hatte. Als sich Nate wieder gefangen hatte riss er sich zusammen und meinte, dass er Tyler zuletzt im Cafe gesehen hatte und dieser hinunter zu den Gästetoiletten ging. Danach hatte er ihn nicht mehr gesehen.
„Warte ich komme mit Ihnen!“, rief er und folgte dem Polizisten in das Cafe. Dieser blieb kurz darin stehen und drehte sich um, um seinen Namen zu verraten. „Ich bin übrigens Ethan. Hör bloß auf mit den Förmlichkeiten. So komme ich mir vor, als wäre ich schon ein Rentner.“ Lachend willigte der Junge ein und murmelte vor sich hin, dass er vielleicht in Wirklichkeit schon ein Rentner sein könnte und ging nun voraus. Als sie unten waren, sahen sie neben den Toilettentüren eine weitere Tür, die weit offen Stand. Ethan erkannte sofort dieses Zimmer aus seinen Bildern wieder. Darin war Tyler gefangen und löste sich zu Staub auf. Wieder erhoffte er sich in diesem Raum auf Tyler zustoßen, doch wieder war er nicht aufzufinden.
Der Raum war genauso, wie Tyler in gesehen hatte. Überall standen Flaschen herum und mitten im Raum ein großer Spiegel. Als der Polizist auf den Spiegel zu gehen wollte, hielt ihn Nate auf, „Du kennst doch sicherlich Schneewittchen, nicht wahr? Wenn du diesen Spiegel berührst, bist du ein Teil dieser Geschichte und es könnte sein, dass du nie wieder zurück kannst..“ Hastig zog Ethan seine Hände zu sich. Doch wenn Nate mit seiner Theorie recht hatte, war er dann nicht schon ein Teil von Pinocchios Märchen? Schließlich kam er in Kontakt mit der zu Mensch gewordenen Holzpuppe. Außerdem hatte er keinen Anhaltspunkt, wo Tyler sein konnte. Er musste das Risiko einfach eingehen. Ihm rannte in der realen Welt die Zeit davon…
In Tylers Traum
Nachdem die verwandelte Bedienung ihre Situation als Gin erläutert hatte, ging sie Tylers inniger Wunsch nach und verhinderte die Explosion der tickenden Zeitbombe. Das war wirklich die Rettung in letzter Sekunde: „Sollte ich mich nun bei dir bedanken oder ist das einfach nur deine Aufgabe, die Wünsche des Finders zu erfüllen?“ Etwas grimmig sah sie den Anwalt an und schwebte zu Boden, wodurch ihr der Unterkörper wieder wuchs und sie auf beiden Füßen stehen konnte. „Ihr habt noch zwei Wünsche übrig. Überlegt es euch genau, denn der Preis für die Wünsche ist verdammt hoch.“ Nun machte sich der Anwalt Gedanken darüber, ob es nicht ein Fehler gewesen war, einen Flaschengeist um Hilfe zu Bitten. Noch während er so überlegte, kam ihm der Gedanke, dass er zu gerne an dem Ort sein wollte, wo Ava war und kaum war der Gedanke zu Ende, fing der Gin schon an zu lachen. „Jeder noch so stiller Wunsch wird von mir erhört. Es bleiben ihnen nur noch ein letzter Wunsch übrig!“ Infolgedessen nickte sie einmal und Tyler löste sich zusammen mit ihr zu Staub auf…
Long Island College Hospital
Es mussten ungefähr zehn Minuten
vergangen sein, als Carmen langsam stutzig wurde und Ethan nicht aus Tylers
Zimmer raus gekommen war. Da alle auf die Diagnose von Ava warteten, hatten sie
Ethan total vergessen. Schon während sie die Türklinke packte, durchlief
ihr ein eiskalter Schauer und sie befürchtete, dass irgendetwas nicht in Ordnung
wäre. Langsam öffnete sie die Tür und stieß diese vor Schreck von sich, als sie
das laute lang gezogene Piepsen aus dem Herzschrittmacher hörte. Schreiend rief
sie um ärztliche Hilfe und nur nach Sekunden stürmte ein Arzt mit einigen
Krankenschwestern ins Zimmer. Als sie merkten, dass sie seinen Puls nicht mehr
stabilisieren konnten, bereiteten sie alles nötige für eine Defibrillation vor…
Die Anderen bekamen mit, dass in Tylers Zimmer Hektik herrschte und als Hope und
die Carrendoors zu Tür rannten, klingelte auf einmal Hopes Handy. Als sie
abnahm, war Mister Bossworth, Tyler und Hopes Vorgesetzter dran: „Eigentlich
wollte ich Mister Carrendoor diesen Mandanten zu Ordnen, aber da er momentan
außer Gefecht ist, werden sie zusammen mit Mister MC Gellegahr den Fall
übernehmen. Ich erwarte sie in binnen 10 Minuten in der Kanzlei.“
Noch bevor Hope irgendetwas sagen konnte, hörte sie schon wie ihr Boss auflegte.
Sie war in einer Zwickmühle. Sollte sie sich nun um ihre Karriere, die erst
begonnen hatte, kümmern oder doch lieber bei ihren Freunden bleiben? Sie wusste
es einfach nicht und lief langsam vor das Zimmer, worin Tyler gerade behandelt
wurde…
In Avas Traum
Ava
wachte in einem gläsernen Sarg auf und schlug panisch gegen das Glas. Wo war sie
und wieso hielt sie sich im Sarg auf? Als die Krankenschwester mit aller Kraft
den Sarg einschlagen konnte, fielen dabei mehrere Glassplitter in ihre Augen und
verursachten einen höllischen Schmerz. Einen solchen Schmerz hatte sie noch nie
widerfahren müssen und als sie mit ihren Tränen, die Glassplitter aus ihren
Augen geschwemmt hatte, und weinend sich aufrichtete versuchte sie ihre Augen
aufzumachen, doch irgendetwas war mit ihr geschehen.
Sie spürte, wie sie ihre Augen hektisch hin und her bewegte, doch sie konnte nichts klares erkennen. Alles war so verschwommen und kaum zu unterscheiden. Die unterschiedlichen Farben vermischten sich in verschiedene große undeutliche Flächen. Vorsichtig tastete sie mit ihren Händen über ihre Augenlieder, pickte die Glassplitter, die ungefähr so groß wie Apfelkerne waren von ihren Wangen. Ihre Wangen waren feucht, feucht von ihren bitterlichen Tränen, die sie ausstieß, da sie so fürchterliche Angst und Schmerzen hatte. Angst vor dem Unbekannten, nicht Vertrautem was mit ihr gerade geschah. Wie konnte das sein, dass sie vor einer Minute noch klar sehen konnte und nur weil sie sich aus dem Sarg befreien wollte das Augenlicht verlor. War das etwa die Konsequenz? Sie musste hier raus.
Raus aus diesem Gläsernen. Mit ihren Fingern tastete sie sich vorsichtig Sarg entlang, um irgendwo am Rand halt zubekommen. Als Ava rechts und links die beiden Seiten den Sarges ertasten konnte, stieg sie langsam hinaus. Vorsichtig und mit der Ungewissheit, was als nächstes geschah fiel sie auf die Gräser von der Wiese. Nachdem sie sich auf den Rücken drehte und in den Himmel blickte, wurde sie nur noch trauriger und fing wieder an weinen. Der Himmel war nicht mehr erkennbar, die Sonne oder die Wolken. Alles war so unscharf. Voller Verzweiflung und Trauer schlug sie mit ihren Händen auf die Wiese. Doch auf einmal hörte sie ein leises Atmen. Irgendjemand musste ganz in ihrer Nähe sein, denn sie konnte in ihrem Trommelfell, den Atem förmlich vibrieren hören.
Geschwind richtete sie sich auf und blickte nach links und dann nach rechts. „Hallo? Wer ist da? Ich kann nichts sehen… Bitte helfen Sie mir… Ich weiß nicht wo ich bin und was ich hier mache…“ Ava konnte auf einmal den heißen Atem direkt am Nacken spüren. Jemand stand direkt hinter ihr und hielt es nicht für nötig, irgend ein Laut von sich zu geben. Als sie zu Schreien anfing, fuchtelte jemand hektisch hinter ihr und legte beide Hände auf ihre Schulter. Ava bekam es schrecklich mit der Angst zu tun. Wer stand hinter ihr?
Long Island College Hospital