4.3. Der anonyme Anruf
Am
nächsten Morgen stand Tyler Carrendoor schon kurz nach 8 Uhr
vor Mitchs Wohnung. Er wollte Informationen von seiner
Freundin bekommen. Erwartungsvoll klopfte er an der
Wohnungstür. „Guten Morgen, ich bin es noch mal, Tyler Carrendoor.“
Diesmal hatte sie kein Lächeln im Gesicht. Sie war traurig,
was ziemlich verständlich war. „Ach
Sie sind es, kommen Sie doch rein.“
Als sie im Wohnzimmer Platz nahmen, teilte er ihr mit, dass
er von der Festnahme mitbekommen hatte. Dabei verschwieg er
aber, dass er zum Zeitpunkt der Festnahme ebenfalls heimlich
anwesend war.
Georgina Bellingham, die zukünftige Miss River senkte nach seinen Worten traurig ihren Kopf. „Die Polizisten haben in seinem Auto die Tatwaffe gefunden. Es war ein kleiner Dolch. Oh Gott ich glaub das nicht. Mitch könnte nie einer Fliege was zu Leide tun, aber leider spricht alles gegen ihn. Und wissen sie was am schlimmsten ist? Heute wollten wir eigentlich standesamtlich heiraten…“
Der Anwalt überlegte, wie sich Georgina fühlen müsste, die nur noch einen Tag schlafen musste, um amtlich den Namen River tragen zu dürfen? Tyler sah den Kummer der jungen Frau, die sich wahrscheinlich ihr ganzes Leben auf diesen einen Tag gefreut hatte und nun alles anders kam, als sie sich das jemals hätte vorstellen können. Dann dachte er an Ava, die seine Pläne ebenfalls zu Nichte gemacht hatte und er deswegen tagelang nichts essen konnte. Er wollte Georgina trösten, fand aber leider nicht die passenden Worte. Als er verlegen zur Seite blickte, entdeckte er ein Bild an der Wand hängen.
Auf dem Foto war Mitch und ein
weiterer Mann zu sehen. Sie standen vor dem „Downstate
Medical Center“, eine Universität für Medizin in Brooklyn.
Doch viel interessanter war der Mann an Mitchs Seite. Tyler
kannte ihn nämlich, weil es sein damaliger Mandant William
Folks war (1. Episode). Aufgeregt zeigte er auf auf das
Bild und starrte Georgina fassungslos an, „Woher kennt ihr
Freund William Folks?“ Georgina drehte sich kurz zum Bild und
wandte sich gleich danach wieder zu Tyler.
„Ach William Folks war ein Freund von Mitch. Ein sehr eigenartiger Mensch. William und ich gifteten uns immer an, wenn wir uns gesehen hatten.Aber Mitch und William, ja sie waren beste Freunde und gingen zusammen auf die Universität. Irgendwann hat William aus heiterem Himmel sein Studium abgebrochen. So erzählt es zumindest Mitch. Ich bin ja erst seit einem Jahr mit Mitch zusammen, aber die kennen sich schon jahrelang. Ich habe in den Nachrichten mitbekommen, dass er jemand ermordet haben soll. Kurz darauf hat er sich ja selbst erhängt. Ich wusste schon immer, dass William ein Psycho war. Also falls mein Freund wirklich seinen kleinen Bruder entführt und umgebracht hat, war es sicherlich der schlechte Einfluss von William!“ Sie war aufgebraust, stand kurz auf und ging zur Wand um das Bild aus dem Fotorahmen zu nehmen. Dann zerriss Georgina die Stelle, wo William Folks drauf war. „Der Mann ist so was von krank. So einer darf nicht eingerahmt werden.“
Dem Anwalt fiel die große Abneigung gegen diese Person an Georgina auf. Deshalb fand er es angemessen das Thema zuwechseln. Ein Blick auf die Uhr rettete die unangenehme Lage - 8:45 Uhr. Er musste los. „Äh, also ich muss jetzt zu ihrem Freund in das Gefängnis. Soll ich ihm etwas ausrichten?“. „Sagen sie ihm, dass ich zu Hause auf ihn warte und dass alles wieder gut wird. Ich liebe ihn.“ Bevor er die Wohnung verließ versicherte er ihr, dass er die Nachricht weiterleiten würde. Außerdem würde er sein Bestes geben um Mitch wieder aus dem Gefängnis zu holen. Georgina dankte ihm vielmals „Das alles ist sicherlich nur ein Missverständnis. Was soll ich denn bloß ohne ihn tun. Ich habe doch nur Mitch.“ Tyler warf ihr einen verständnisvollen Blick zu und verließ die Wohnung. Auf der Fahrt zu Mitch ins Gefängnis sagte er zu sich selbst, dass er diesen Fall unbedingt gewinnen musste. Nicht nur für ihn selbst, sondern für den Angeklagten, seine zukünftige Frau und vor allem für den kleinen Matt, der von dem schwarzen Mann gejagt wurde und er noch herausfinden musste, wie er den Jungen vor den Klauen des Sensenmann retten konnte.
Fellowship Gefängnis
Tyler holte tief Luft, als er vor dem Gitterzaun stand,
welches um das ganze Gebäude aufgestellt war. Hier würde er
niemals herkommen wollen, dachte er und ging mit zügigen
Schritten in das große und steinige Fellowship Gefängnis.
Nach einer kurzen Kontrolle, wurde er in ein Zimmer
gebracht, worin Mitch River mehr oder weniger auf sein
Besuch wartete. Hinter dem Angeklagten stand ein Polizist,
der keine Sekunde zögern würde seine Waffe zu ziehen, wenn Mitch gefährlich wurde. Unsympathisch, dachte Tyler und
wandte sich zu Matt, der tief-schwarze Augenränder hatte,
die womöglich vom fehlenden Schlaf in der letzten Nacht kam.

„Mein Name ist Tyler Carrendoor und ich werde Sie in diesem Fall vertreten.“ Erbost starrte er den Anwalt an. Mitch River kannte ihn ja schon von der alten Fabrikhalle. „Sie sind mein Anwalt? Ach dann kann ich mir ja auch gleich die Todespritze geben und bräuchte nicht eine Woche auf meine Verurteilung warten. Sie glauben ja auch nicht an meine Unschuld!“ Tyler schüttelte den Kopf, da er mittlerweile an seine Unschuld glaubte „Nein das ist nicht wahr. Ich glaube an ihre Unschuld. Wir müssen nur den wahren Kriminellen finden. Und dafür müssen wir gemeinsam kooperieren. Sie müssen mir vertrauen.“ Anfangs weigerte sich Mitch irgendetwas zu sagen, doch als er Tylers Entschlossenheit spürte, fing er langsam an sein Schweigen zubrechen.
„Ich
wurde reingelegt. Irgendjemand will mir mein Leben
zerstören. Dieser hat alles super eingefädelt. Die Mordwaffe
wurde in meinem Auto gefunden, obwohl ich diesen Dolch noch
nie in meinem Leben gesehen hatte. Ich wollte doch nur meine
Unschuld beweisen und bin der anonymen Nachricht gefolgt.
Der unbekannte Anrufer sagte mir, wo mein Bruder versteckt
war. Als ich dort ankam tauchten Sie unerwarteter Weise auf
und kurz darauf die Polizei! Und bevor ich Unschuldig sagen
konnte, wurde ich eingesperrt!“
Tyler presste seine Lippen zusammen. „Sehen sie nicht gleich schwarz. Das was Sie gerade gesagt haben war sehr Hilfreich. Sie sagten doch, dass sie einen anonymen Anruf bekommen haben. Ich glaube darin liegt die Antwort und ihren möglichen Freispruch. Ich brauche lediglich dafür ihr Handy.“ Er senkte geknickt seinen Kopf. „Mein Handy liegt zur Überprüfung auf der Polizeistation. Nicht einmal meinen Verlobungsring darf ich hier tragen.“
Tyler kannte diesen Ausdruck seiner Angeklagten zu gut. In seiner ganzen Anwalts-Laufbahn, sah er schon des ödteren diesen verzweifelten und hilfosen Blick - zuletzt bei William Folks (1. Episode). Doch anders wie bei seinem jüngsten Fall, hatte er eine Idee, die Mitch für Unschuldig erklären könnte - Der Anonyme Anrufer - ein kleines Licht am Ende des Tunnels.
Ehe Tyler es vergaß, teilte er dem Angeklagten die Botschaft von seiner zukünftigen Frau mit. Für einen kurzen Moment blitzten seine Augen. Wenigstens glaubte Georgina noch an seine Unschuld, dachte er und dankte dem Anwalt für diese Nachricht...
Die Tür wurde unerwartet aufgerissen: „Sie müssen jetzt gehen.“ Unsanft wurde Mitch von seinem Stuhl gezerrt, „Bitte holen Sie mich hier raus“, diese waren seine letzten Worte, bevor er in seine Zelle geführt wurde…
Polizeistation
(Ethan)
Tyler steckte im Stau und nutzte die Gelegenheit um Ethan
anzurufen, da er wieder Ethans Hilfe brauchte. Unerwartet weigerte sich
Ethan
und wollte ihn in dieser Hinsicht nicht helfen. Für ihn war
der Angeklagte definitiv schuldig. Seiner Meinung nach
sollte er hinter verschlossenen Türen bleiben, da er für
jeden Menschen eine Gefahr darstellte. „Ja ich kann dich
verstehen, aber dennoch... Ihm alles unter die Schuhe zu
schieben ist leicht. Man soll nicht immer gleich den
kürzesten Weg nehmen, nur weil der einfacher ist. Du musst
auch mal über den Deckelrand schauen, um nicht einige
wichtige Informationen zu übersehen. Komm schon, bitte. Du
hast auch was bei mir gut!“
Ethan war hin und her gerissen und verblüfft zugleich. Tyler verwendete neuerdings Redensarten an, um ihn ein schlechtes Gewissen einzureden. Wie unheimlich, dachte er - Mit Erfolg. Was war, wenn Tyler Recht hatte? - Stille. Der Polizist holte tief Luft und meinte letztendlich, dass es nicht schaden könnte, diesen Hinweis zu folgen. Tyler war erleichtert und dankbar. „Wenn du eine Frau wärst, würde ich dich glatt abknutschen“, freute sich der Anwalt. Der Polizist fing an zu lachen, „Ich meld mich dann, wenn ich von dir Zuneigung brauche. Bis später!“ Kopfschüttelnd legte der Polizist auf und ging aus seinem Zimmer um Mitch’s Handy zu holen.
Auf dem Weg zurück in die Kanzlei
Im
Büro angekommen startete der junge Anwalt seinen Rechner und
setzte sich auf seinen Stuhl. Ungeduldig wippte er mit seinem Stuhl hin und
her und wartete, „Du warst auch schon einmal schneller“,
sagte er zu seinem Computer in der Hoffnung, dass dieser
etwas schneller wurde. In diesem Moment tauchte sein
Chef im Büro auf. „Mister Carrendoor ich muss ihnen leider
mitteilen, dass sich im Fall von Mitch River etwas verändert
hat. Der Anwalt von dem
Kläger hat gerade angerufen und mir mitgeteilt, dass der
Gerichtstermin nicht wie geplant in einer Woche stattfindet,
sondern schon Morgenfrüh um 10 Uhr. Die Eltern von Mitch River
haben die Richter überzeugen können, dass dieser Prozess
nicht unnötig in die Länge gezogen werden müsste. Sind sie
denn schon bereit dafür?“ Mit offenem Mund, starrte er ihn
fassungslos an. Das konnte doch nicht wahr sein. Wie sollte
er das alles bis Morgen schaffen?
Mister Bosworth runzelte seine Stirn und verließ stillschweigend das Büro. Das war kein gutes Zeichen, dachte Tyler und meinte die Reaktion von seinem Boss. Da der Anwalt nicht wusste, wie schnell Ethan mit seiner Recherche war, beschloss er zu den Rivers zu fahren um sie umzustimmen. Doch dort wurde ihm nur die Tür vor seine Nase zugeknallt. Ihm wurde vorgeworfen, dass er nicht nachvollziehen konnte, was die Eltern gerade durchmachten. Sie hatten ihren Sohn verloren und das hinterließ eine tiefe Narbe, welches sie das ganze Leben verfolgen würde.
Als Tyler im Auto saß, tauchte der
kleine Matt wie immer unangemeldet neben ihn auf. Leider
musste der Anwalt feststellen, dass Matt im Gesicht noch
bleicher war, als vorigen Tag. Der kleine Junge teilte dem
Anwalt mit, dass er langsam schwächer wurde und nicht mehr
lange vor dem schwarzen Mann wegrennen konnte. Mit jeder
Minute, die er noch auf dieser Welt verbrachte verlor er an
Kraft. Danach verschwand er wieder. Tyler dachte sich, dass
er in Mitchs Fall nur auf Ethans Antwort warten konnte,
daher begab er sich wieder in die Bibliothek und informierte
sich über den Sensenmann.
Doch was er über den Sensenmann las, brachte ihn im Fall von Matt nicht viel weiter. Tyler fragte sich, wo denn die Moiren waren, wenn er sie mal brauchte. Am Abend legte er sich auf die Couch. Ihm war aufgefallen, dass Ethan immer noch nicht angerufen hatte. Während er so sein Handy durchklapperte, überkam ihm ein komisches Gefühl. Als er sich wieder aufrappelte, schoss ein gewaltig heller Strahl direkt auf ihn zu. Schützend hielt er seine Hand vor seinem Gesicht. Wie damals, bei Rachel Kingstion (1. Episode) war er aufeinmal an einem ganz anderen Ort.
Tyler stand mitten in einer fremden Wohnung. Seine Augen bewegten sich ruckartig nach links und rechts. Wo zum Teufel war er. Er hörte ein Tippen auf einer Tastatur. Er folgte dem Geräusch und ging in ein Zimmer, dass ein Spalt offen war. William Folks saß vor einem Computer und arbeitete voll konzentriert an etwas.
Der Anwalt war in der Vergangenheit von William Folks. Er ging zum damaligen Mandant um herauszufinden, an was er gerade tippte. William Folks informierte sich über diverse Dämonen und Geister. Weshalb tat er das? Außerdem notierte er sich immer einige Namen oder Begriffe auf einem Notizzettel. Mit einem nachdenklichen seufzen, markierte er etwas und steckte diesen Zettel in seine linke Hosentasche und rannte eilig aus seinem Zimmer. Bevor Tyler ihm folgen konnte, holte ihn das grelle Licht ein und versetzte ihn an einem anderen Ort.
Nun
stand Tyler hinter einem großen Baum. Wieder war William
Folks zusehen, der auffällig nach etwas in seiner Jacke
suchte. Außerdem sah es so aus, als würde er sich vor jemand
verstecken, denn der ehemalige Mandant hielt sich dicht an
dem Baum auf. Nur ab und zu blickte er hinter dem Baum hervor.
Neugierig trat er hinter seinem Baum hervor um sich zuvergewissern, nach was William
Ausschau hielt. Der Anwalt erblickte den kleinen Matt, der als einziger
auf der Wiese war und ein Würfe übte (Baseball).
Tylers schielte zu William Folks rüber, der gerade einen kleinen Dolch aus seiner Jacke zog. Er war irritiert. War das etwa der selbe Dolch, den die Polisten in Mitch’s Kofferraum gefunden hatte, fragte sich der Anwalt und beobachtete alles aufmerksam weiter. Wie ein Scharfschütze, behielt William Folks den kleinen Jungen im Auge und folgte ihm mit dem Augen überall hin. Der Anwalt war entsetzt, war William Folks etwa der Mörder? Als der Anwalt endlich seine Augen von dem Dolch lassen konnte, merkte er, wie der kleine Junge langsam auf den Baum zu gerannt kam, da sein Ball in diese Richtung geworfen wurde. Hastig versuchte der Anwalt den Ball von dem Baum zu entfernen, „Matt komm nicht hierher. Verdammt, wieso kann man in solchen komischen Träumen keine Dinge bewegen?“, schimpfte er und sah wie William Folks langsam den Dolch zum Wurf bereit hielt, als der kleine Junge immer näher kam…
Nur noch wenige Schritte trennten die beiden voneinander. Tyler wurde total zappelig und wusste nicht, wie er diese Situation verhindern konnte - zu spät. William holte aus und setzte einen Fuß vor dem Baum. Ruckartig drehte er seinen Körper hinter dem Baum hervor und schleuderte den Dolch in Matts Richtung. Tyler riss entsetzt seine Augen auf „Neeeiiinn!“…
Fortsetzung: 4.4. Mehr als nur ein Geheimnis
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